
Mehr als 2500 sind nicht drin
Warum es nicht schlimm ist, mehr Bücher zu besitzen als man je lesen kann
Ok, das Lied vom „Lesen wollen aber keine Zeit haben“, könnt ihr sicher alle mehrsprachig mitsingen. Damit will ich auch gar nicht erst anfangen. Ebenso wenig wie mit der Endlichkeit unseres Daseins. Ja ja heul doch, denkt ihr. Aber mal im Ernst. Mein Ziel ist es, ein Buch pro Woche zu lesen. Das macht 52 pro Jahr. Alles andere empfinde ich als unrealistisch, solange man noch ein Leben und einen Job nebenbei hat. Mehr sind zumindest für mich nur im Urlaub oder während Krankheitsphasen schaffbar. Um ehrlich zu sein, gleichen die zumindest in meinem Fall aber nur die Wochen aus, in denen ich gar kein Buch gelesen habe.
Weil Leben (und damit meine ich rausgehen, räubern, auch mal einen Film schauen und vor allem mit Menschen sprechen, um nicht gänzlich wunderlich zu werden) einfach Lesezeit frisst. Wie übrigens auch Schlafen, aber das ist ein anderes Thema.
Zurück zum Ausgangspunkt. Da lese ich also 52 Bücher pro Jahr, also idealerweise: denn seit ich Listen führe (nein, ich bin nicht irre, sondern nur vergesslich), also seit etwa drei Jahren, habe ich die 52 nie erreicht. Es hat sich bei so um die 45 eingepegelt, wobei da auch viele Schmonzetten darunter waren. Also 52 Bücher pro Jahr. Ich bin 29 Jahre alt, habe also in meinem Leben rein rechnerisch schon 1508 Bücher lesen können. Hab ich natürlich nicht. Kann ja erst seit 22 Jahren lesen und so viele waren es dann doch nicht. Ziehe ich also der Einfachheit halber was ab und wir gehen von 1000 gelesenen Büchern aus. Mehrere sind sicher auch doppelt in die Wertung eingegangen (Harry Potter, Jane Austen und Irmtraud Morgner muss ich alle paar Jahre lesen, zur Seelenhygiene). Aber nehmen wir mal die bisher gelesenen 1000 Bücher als Basis. Und ich gehe mal hoffnungsvoll davon aus, dass ich bis ich 80 bin, seelisch und körperlich in der Lage bin, weiter zu schmökern. Bleiben mir also noch 52 Lesejahre. In denen ich pro Jahr 52 Bücher lese, das sind nochmal 1376 Bücher. Komme also auf 2376 Bücher insgesamt. Das ist zu wenig.
Gemessen an den Büchern, die ich ständig kaufe, als Rezensionsexemplar bestelle, geschenkt bekomme oder mir anderweitig ergaunere, ganz zu schweigen von den hunderten Regalmetern die jetzt schon meine Wohnung bereichern, sehe ich ganz schön schwarz. Zumal ich beim Schreiben feststellen muss, dass ich es zu Lebzeiten noch nicht einmal schaffe, die Bücher zu lesen, die ich schon besitze.
Schrecklich? Ein bisschen. Was also tun? Abkürzungen nehmen?
Wunderheiler des digitalen Zeitalters (Managersprech statt Kehlkopfgesang) predigen alternative Strategien, mit denen man sich mehr Buch in kürzerer Zeit in den Kopf schütten kann. In dem Bücher beispielsweise auf ein Minimum reduziert werden, auf ihre Message, auf den Kern auf die Punchline. Das bezieht sich vor allem auf Sachbücher, geht aber sicher auch mit Belletristik. Geht ja so einiges. Doch will man das? Ich nicht, mir macht es ja Spaß, wenn Gedanken sich langsam entwickeln, wenn die Erkenntnis sachte zu mir durchdringt, wenn ich Dinge verstehe. An der Message reiben kann ich mich auch beim rumsurfen im Netz. Außerdem gefällt mir der, dass es mehr Bücher gibt als ich je lesen kann. Es gibt mir die nötige Tiefenentspannung, Machwerke auch mal beiseite zu legen und zum nächsten Folianten zu greifen. Außerdem freue ich mich diebisch, dass es noch unendlich viele Gedankenwelten und Wissen gibt, über das ich mich hermachen kann. Zumal die rare Zahl der erlesbaren Buchwelten ja auch irgendwie die Berechtigung zum Schreiben über Bücher gibt, oder? Denn niemand kann sämtliche Literatur im Blick haben, da macht es ja durchaus Sinn, anderen von den leckersten Pralinen in der Schachtel zu erzählen, eh diese sich Bauchschmerzen von den Weinbrandbohnen und Kaffeetoffees holen, die wirklich niemand mag.