Warum ich den neuen Houellebecq nicht lesen werde

Warum ich den neuen Houellebecq nicht lesen werde

Januar 10, 2019 0 Von sarah

Mit „Serotonin“ ist vor wenigen Tagen der neue Roman von Michel Houellebecq erschienen. Normalerweise wäre ich noch am Tag seines Erscheinens freudestrahlend im Buchlanden meines Vertrauens angetanzt und hätte das Buch innerhalb weniger Stunden inhaliert, besprochen, darüber diskutiert. Das werde ich mir diesmal verkneifen.

Ich weiß noch wie ein Freund mir „Elementarteilchen“ in die Hand drückte, als wäre es eine heilige Insignie. Was es auch war, für mein 18-jähriges Ich. Denn mit brutaler Schonungslosigkeit rückte der Roman, der von der Hoffnungs- und Vergeblichkeit unserer Elterngeneration berichtet. Von der Suche nach Liebe und den Irrwegen des Erwachsenwerdens. Später half mir „Die Möglichkeit einer Insel“, einige romantische Beziehungsflausen aus dem Kopf zu bekommen und mich mit alternativen und realistischen Konzepten der Zweisamkeit – oder eben auf den möglichen Verzicht darauf – auseinanderzusetzen. „Plattform“,“Die Ausweitung der Kampfzone“ und viele mehr wurden ebenfalls gerne gelesen und dann bei WG-Feiern weinselig im Freundes- und Bekanntenkreis (ja das tun Geisteswissenschaftsstudenten, wenn sie unter sich sind – manchmal zumindest) durchdiskutiert. Houellebecq sagt Dinge über das Leben, brach Tabus, die nicht unbedingt angenehm sind, die ich aber wissen wollte. Die mein Denken voranbrachten.

Dann erschien „Karte und Gebiet“, noch immer ein Genuss, aber langsam veränderte sich der Ton. Aber ok, ich blieb bei meiner Verehrung des Autors.

Mit „Unterwerfung“ änderte sich das. Klar, wieder wagte er sich an ein Tabu, wagte ein Gedankenspiel. Das Buch schlug ein, wie eine sprichwörtliche Bombe. Denn zur gleichen Zeit ereignete sich der Terroranschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und islamistischer Terror war in aller Munde. Houellebecq lieferte das Buch zur Stunde, einen unabsichtlichen Beitrag zu DEM Diskurs. DEN Beitrag. Plötzlich las jeder Houellebecq. Nicht mehr nur Vielleser, die sich über Ironie und Tabubrüche amüsieren konnten, sondern jeder. Und das ganz unironisch. Das vergiftete die Debatte. Der Roman wurde ernst genommen, bestätigte Vorurteile vom Vormarsch der Muslime in Frankreich, von einer invasiven Kultur, die alles Bestehende überlagert. Und von den schwachen Europäern, die dem nichts mehr entgegen setzen können und wollen.

Gleichzeitig ist „Unterwerfung“ ein großes Lamento eines alternden weißen Mannes. Eines Menschen, der sich ohnmächtig fühlt, aber keine Verantwortung übernehmen möchte. Der sieht, wie die Macht seines Geschlechts schwindet, der plötzlich für Dinge kämpfen muss, die früher selbstverständlich waren. Etwa um Frauen, Fürsorge und Sex. Im Prinzip nichts neues, das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch Houellebecqs Werk. Nun überlagert das Lamento alles.

Und ich habe es satt.

Was gehen mich die Probleme mittelalter wütender Männer an, die sich von der Welt abgeschieden fühlen, Selbstmitleid pflegen, unter Impotenz leiden und sich in Frauengeschichten vergraben?

„Serotonin“ schlägt genau in diese Kerbe. Klar, hat ja mit „Unterwerfung“ auch prima funktioniert. Der Autor generierte sich als Stimme der Missverstandenen, der Männer, die sich um ihr gottgegebenes Recht betrogen fühlen.

Mich geht das alles nichts mehr an.

Versteht mich nicht falsch. Natürlich lese ich auch die Geschichten von Männern, die ja die Literatur seid jeher dominieren. Empfinde Genuss bei jedem neuen Murakami, der trotz derselben Dilemmata einen fantastischen Mehrwert bietet oder Philip Roth, der trotz ähnlicher Altmännerperversionen wichtige gesellschaftliche Themen aufgreift.

Doch den neuen Houellebecq, den lasse ich aus und hoffe, dass er sich irgendwann aus seinem stilisierten Selbstmitleid erhebt und Literatur, allgemeingültige Literatur verfasst, die ihn überdauern kann. Literatur, die wie ein Gral weitergereicht und empfohlen wird. Literatur, die breit und mit Lust diskutiert wird.

Währenddessen wende ich mich den weiblichen Stimmen zu. Vielleicht haben die ja neue Narrative anzubieten, Vorschläge für den Umgang mit einer Welt, die immer chaotischer wird?

Mein Tipp: Die Französin Virginie Despentes widmet sich ebenfalls den verlorenen Seelen in Frankreich. Den Abgehängten, den unsozialen, den sexuell Ausgeflippten. Sie stellt die Frage, was schief läuft in der Gesellschaft und wie Individuen darin bestehen können, ohne sich selbst bis zur Selbstaufgabe optimieren zu müssen – und das ganz ohne Selbstmitleid.