Nino Haratischwili legt mit „Die Katze und der General“ ihren
langerwarteten neuen Roman vor. Doch reicht das Mammutwerk an das
georgische Familienepos „Das achte Leben“ heran?
Wann erscheint das nächste Buch? Kommt es bald? Äußert sich der Verlag?
Gibt es Neuigkeiten? Fieberhaft versuchen Fans, dem Internet ein
Datum, einen Titel zu entlocken? Glaubt ihr nicht? Dann googelt mal
George R. R. Martin oder einfach nur „Game of Thrones“.
Auch ich streife wie ein Geier in Buchhandlungen herum, um einen Blick auf
die neuesten Werke meiner Lieblingsautoren zu erhaschen, durchforste
das Internet nach Buchcovern und steigere meine Vorfreude mit der
Lektüre von Vorschaukatalogen. Haruki Murakami, Matt Ruff, John
Irving sind einige dieser Literaten, deren Schaffen ich akribisch im
Auge behalte. Seit einigen Jahren gehört auch die georgische Autorin
Nino Haratischwili dazu.
Ich stolperte nämlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse in eine Lesung,
die sie mit dem georgischen Autor Lasha Bugadze bestritt. Sie hatte
gerade dessen Roman „Der Literaturexpress“ übersetzt und stellte
ebendieses Buch dem Leipziger Publikum vor. Sie unterhielt sich mit
Bugadze auf georgisch, zwischenzeitlich schüttelten sich die beiden
vor lachen, Haratischwili übersetzte und teilte so Scherze und
Textstücke voller staubtrockenem Humor mit den Gästen.
Ich war verliebt.
Gleich am nächsten Tag machte ich auf der Messe den Stand der Frankfurter
Verlagsbuchhandlung ausfindig, sprach mit der dortigen Verlegerin
über meine überbordende Begeisterung. Schon kurz darauf brachte mit
der Postbote ein dickes Paket vorbei. Darin befand sich „der
Literaturexpress“, der sich als unterhaltsam aber nicht
weltbewegend entpuppte und „Das achte Leben“ von Nino
Haratischwili. Eine stimmgewaltige Offenbarung. Über Tage zog mich
der gewaltige Familienepos in seinen Bann. Mehr als Tausend Seiten
ohne Durststrecke. Ich sog die Geschichte von Stasia und den Ihren in
mich auf, durchlitt und durchlebte mit ihnen einen wilden Ritt durch
das Georgien der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Danach führte
ich mir schnell die früheren Werke zu Gemüte und wartete seitdem
sehnsüchtig auf neuen Lesestoff.
Das Warten wurde belohnt. In diesem Herbst kam ihr neues Mammutwerk (766 Seiten) in den Handel und in meinen Briefkasten (ich hatte den Verlag
erneut um ein Rezensionsexemplar gebeten, nachdem ich auch die
früheren Werke in meiner Radiosendung besprochen hatte). Um die
Vorfreude zu steigern, schlich ich noch einige Tage um das Buch
herum, erfreute mich an der schicken Covergestaltung, die sich
ausnehmend gut neben der von „Das achte Leben“ macht.
Also ging ich es an. Ich kochte eine große Kanne Kräutertee, drapierte
Katzen, Kekse und Kuscheldecke um mich herum und versenkte mich in
die Seiten.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1994 in einem tschetschenischen Bergdorf.
Spannend. Da ich mich 1994 hauptsächlich für meine Spielsachen und
den Kindergarten interessierte, scherte mich die Welt damals noch
recht wenig – insbesondere Tschetschenien und den Konflikt mit
Russland, der sich damals zum Krieg auswuchs. Das macht neugierig auf
mehr. Also Nura, sie ist eine junge Frau in einer von archaischen
Sitten geprägten Welt, die noch viel vom Leben will, auch außerhalb
ihres beschränkten Dorfes. Ein vertrackter Rubikwürfel symbolisiert
für sie das Streben nach einer Zukunft, die Sehnsucht, auszubrechen.
Mit der Ankunft von Soldaten in ihrem Bergdorf bricht ihre Geschichte
vorerst ab.Danach werden im Wechsel die Geschichten des Soldaten
Malisch, ein Mann mit Affinität zur Literatur dessen Mutter ihn aber
partout als den glorreichen Soldat sehen will, wie es schon der Vater
war. Weiterhin geht es um die aus Georgien stammende Schauspielerin
Katze in Berlin, um Krähe, einen Journalisten der dem General und
der Sache in Tschetschenien damals auf den Grund geht und den
General. Stückweise erfährt der Leser von einem grausamen Tat im
tschetschenischen Bergdorf, das verheerende Auswirkungen auf das
Leben vieler Menschen hatte. Die Frage: Wer tötete Nura?
Erzählt wird von Heimatlosigkeit, von Figuren die durch die Welt trudeln und
keinen Halt finden und finden wollen. Von Menschen, deren
Vergangenheit sich auch in die Gegenwart krallt, die einfach nicht
entrinnen können. Von der Frage, ob Menschen sich ändern können,
von Schuld und Sühne.
Große Themen verhandeln, Zeitbögen über Jahrzehnte spannen und
Weltgeschichte anhand einzelner Figuren erklären, das kann Nino
Haratischwili. Das stellt sie in „Die Katze und der General“
erneut unter Beweis. Einen Pageturner, wie „Das achte Leben“ hat
sie mit ihrem neuen Roman allerdings nicht vorgelegt. Das Buch
braucht mehrere hundert Seiten, um langsam Fahrt aufzunehmen, die
Figuren bleiben blutarm und verweigern sich jeglicher Identifikation.
Natürlich muss das nicht sein, die Geschichte, das Aufrollen der
Vergangenheit, steht im Vordergrund. Damit hat sich die Autorin auch
den Platz auf der Shortlist des diesjährigen Buchpreises redlich
verdient.
Lesenswert ist der Roman übrigens schon um seines Sujets willen.
Denn der Tschetschenienkonflikt greift zwar immer wieder in die
Gegenwart ein, etwa wenn es wieder zu Anschlägen kam, hinter denen
Tschetschenen vermutet werden, genaueres weiß hierzulande aber kaum
einer darüber.
Hat sich das Warten auf den neuen Roman also gelohnt? Auf jeden Fall! Ich freue mich schon auf den nächsten.
Nino Haratischwili: Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt,
2018, 766 Seiten.