Es war einmal in Tschetschenien

Es war einmal in Tschetschenien

Oktober 4, 2018 0 Von sarah
Nino Haratischwili legt mit „Die Katze und der General“ ihren langerwarteten neuen Roman vor. Doch reicht das Mammutwerk an das georgische Familienepos „Das achte Leben“ heran?
Wann erscheint das nächste Buch? Kommt es bald? Äußert sich der Verlag? Gibt es Neuigkeiten? Fieberhaft versuchen Fans, dem Internet ein Datum, einen Titel zu entlocken? Glaubt ihr nicht? Dann googelt mal George R. R. Martin oder einfach nur „Game of Thrones“. Auch ich streife wie ein Geier in Buchhandlungen herum, um einen Blick auf die neuesten Werke meiner Lieblingsautoren zu erhaschen, durchforste das Internet nach Buchcovern und steigere meine Vorfreude mit der Lektüre von Vorschaukatalogen. Haruki Murakami, Matt Ruff, John Irving sind einige dieser Literaten, deren Schaffen ich akribisch im Auge behalte. Seit einigen Jahren gehört auch die georgische Autorin Nino Haratischwili dazu. Ich stolperte nämlich im Rahmen der Leipziger Buchmesse in eine Lesung, die sie mit dem georgischen Autor Lasha Bugadze bestritt. Sie hatte gerade dessen Roman „Der Literaturexpress“ übersetzt und stellte ebendieses Buch dem Leipziger Publikum vor. Sie unterhielt sich mit Bugadze auf georgisch, zwischenzeitlich schüttelten sich die beiden vor lachen, Haratischwili übersetzte und teilte so Scherze und Textstücke voller staubtrockenem Humor mit den Gästen. Ich war verliebt. Gleich am nächsten Tag machte ich auf der Messe den Stand der Frankfurter Verlagsbuchhandlung ausfindig, sprach mit der dortigen Verlegerin über meine überbordende Begeisterung. Schon kurz darauf brachte mit der Postbote ein dickes Paket vorbei. Darin befand sich „der Literaturexpress“, der sich als unterhaltsam aber nicht weltbewegend entpuppte und „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili. Eine stimmgewaltige Offenbarung. Über Tage zog mich der gewaltige Familienepos in seinen Bann. Mehr als Tausend Seiten ohne Durststrecke. Ich sog die Geschichte von Stasia und den Ihren in mich auf, durchlitt und durchlebte mit ihnen einen wilden Ritt durch das Georgien der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart. Danach führte ich mir schnell die früheren Werke zu Gemüte und wartete seitdem sehnsüchtig auf neuen Lesestoff. Das Warten wurde belohnt. In diesem Herbst kam ihr neues Mammutwerk (766 Seiten) in den Handel und in meinen Briefkasten (ich hatte den Verlag erneut um ein Rezensionsexemplar gebeten, nachdem ich auch die früheren Werke in meiner Radiosendung besprochen hatte). Um die Vorfreude zu steigern, schlich ich noch einige Tage um das Buch herum, erfreute mich an der schicken Covergestaltung, die sich ausnehmend gut neben der von „Das achte Leben“ macht.
Also ging ich es an. Ich kochte eine große Kanne Kräutertee, drapierte Katzen, Kekse und Kuscheldecke um mich herum und versenkte mich in die Seiten. Die Geschichte beginnt im Jahr 1994 in einem tschetschenischen Bergdorf. Spannend. Da ich mich 1994 hauptsächlich für meine Spielsachen und den Kindergarten interessierte, scherte mich die Welt damals noch recht wenig – insbesondere Tschetschenien und den Konflikt mit Russland, der sich damals zum Krieg auswuchs. Das macht neugierig auf mehr. Also Nura, sie ist eine junge Frau in einer von archaischen Sitten geprägten Welt, die noch viel vom Leben will, auch außerhalb ihres beschränkten Dorfes. Ein vertrackter Rubikwürfel symbolisiert für sie das Streben nach einer Zukunft, die Sehnsucht, auszubrechen. Mit der Ankunft von Soldaten in ihrem Bergdorf bricht ihre Geschichte vorerst ab.Danach werden im Wechsel die Geschichten des Soldaten Malisch, ein Mann mit Affinität zur Literatur dessen Mutter ihn aber partout als den glorreichen Soldat sehen will, wie es schon der Vater war. Weiterhin geht es um die aus Georgien stammende Schauspielerin Katze in Berlin, um Krähe, einen Journalisten der dem General und der Sache in Tschetschenien damals auf den Grund geht und den General. Stückweise erfährt der Leser von einem grausamen Tat im tschetschenischen Bergdorf, das verheerende Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen hatte. Die Frage: Wer tötete Nura? Erzählt wird von Heimatlosigkeit, von Figuren die durch die Welt trudeln und keinen Halt finden und finden wollen. Von Menschen, deren Vergangenheit sich auch in die Gegenwart krallt, die einfach nicht entrinnen können. Von der Frage, ob Menschen sich ändern können, von Schuld und Sühne. Große Themen verhandeln, Zeitbögen über Jahrzehnte spannen und Weltgeschichte anhand einzelner Figuren erklären, das kann Nino Haratischwili. Das stellt sie in „Die Katze und der General“ erneut unter Beweis. Einen Pageturner, wie „Das achte Leben“ hat sie mit ihrem neuen Roman allerdings nicht vorgelegt. Das Buch braucht mehrere hundert Seiten, um langsam Fahrt aufzunehmen, die Figuren bleiben blutarm und verweigern sich jeglicher Identifikation. Natürlich muss das nicht sein, die Geschichte, das Aufrollen der Vergangenheit, steht im Vordergrund. Damit hat sich die Autorin auch den Platz auf der Shortlist des diesjährigen Buchpreises redlich verdient. Lesenswert ist der Roman übrigens schon um seines Sujets willen. Denn der Tschetschenienkonflikt greift zwar immer wieder in die Gegenwart ein, etwa wenn es wieder zu Anschlägen kam, hinter denen Tschetschenen vermutet werden, genaueres weiß hierzulande aber kaum einer darüber. Hat sich das Warten auf den neuen Roman also gelohnt? Auf jeden Fall! Ich freue mich schon auf den nächsten. Nino Haratischwili: Die Katze und der General, Frankfurter Verlagsanstalt, 2018, 766 Seiten.